Wacken Open Air 2024
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Tag 4 – Samstag: Der letzte Donnerhall

Am letzten Festivaltag lag eine besondere Mischung aus Vorfreude und Wehmut über dem Gelände. Die Sonne stand erneut hoch am Himmel, aber in vielen Gesichtern zeichnete sich bereits die Spuren einer langen, intensiven Festivalwoche ab. Einige Besucher packten schon am Vormittag zusammen, andere schleppten sich – müde, aber glücklich – noch ein letztes Mal in Richtung Bühnen, um den Abschluss eines denkwürdigen Wacken Open Air zu feiern.

Tankard eröffneten den musikalischen Frühschoppen mit einem Set voller Trinklaune, Thrash und Selbstironie. Trotz Verletzungen und Operationen zeigten sich die Frankfurter spielfreudig wie eh und je. Klassiker wie „Chemical Invasion“ oder „(Empty) Tankard“ wurden von einer erstaunlich wachen Crowd frenetisch gefeiert. Besonders die Darbietung der selten gespielten Blödelnummer „Himbeereis zum Frühstück“ traf genau den wackentypischen Nerv aus Humor und Härte. Der Auftritt war ein Beweis dafür, dass man Metal nicht immer bierernst nehmen muss – auch wenn die Bierpreise eine andere Sprache sprechen.

Im Anschluss traten Raven auf die Harder Stage und bewiesen, dass „Athletic Rock“ auch nach 50 Jahren noch keine Gehhilfe braucht. Die Gallagher-Brüder wirkten spielfreudig und präsentierten ein Set, das von jugendlicher Energie nur so strotzte. Zwar war das Publikum merklich kleiner als bei den Vortagen, aber die, die da waren, bekamen eine Oldschool-Lehrstunde geboten. Der chaotische Charme und die ungebändigte Spielfreude machten diesen Auftritt zu einem Geheimtipp des Tages – roh, laut und ehrlich.

Dragonforce präsentierten sich gewohnt spektakulär – mit aufblasbaren Arcade-Automaten, Feuereffekten und schier unmenschlichen Tempi. Songs wie „Fury of the Storm“ und das unvermeidliche „Through the Fire and Flames“ wurden von einem begeisterten Publikum abgefeiert, auch wenn die kitschigen Coverversionen von Taylor Swift und Celine Dion nicht jedermanns Geschmack trafen. Doch genau darin liegt der Reiz dieser Band: Eskapismus pur, irgendwo zwischen Speed Metal, Anime-Intro und Las Vegas. In Wacken funktioniert das – besonders, wenn man es nicht zu ernst nimmt.

Währenddessen ging Sebastian Bach auf der Faster Stage im Regen unter – buchstäblich. Ein heftiger Schauer überraschte das Gelände und verwandelte die trockenen Wege wieder kurzzeitig in schlammige Gassen. Der ehemalige Skid Row-Sänger ließ sich nicht beirren, zog seine Show professionell durch und würdigte das tapfere Publikum mit Respekt und Dank. Klassiker wie „Youth Gone Wild“ und „18 and Life“ kamen trotz Regenwänden gut an, aber wirklich viele hielten nicht durch. Bach zeigte sich unbeeindruckt, sang gegen Wind und Wasser an – Rock’n’Roll-Spirit pur.

Sebastian Bach

Testament drehten anschließend auf der Harder Stage die Uhr zurück: Ihr Set bestand ausschließlich aus Songs der ersten beiden Alben – ein Geschenk an die Oldschool-Fans. Mit „Into the Pit“, „Apocalyptic City“ oder „The New Order“ bewiesen die Kalifornier, dass Thrash Metal auch 2024 noch so frisch wie 1987 klingen kann. Chuck Billy war bestens gelaunt, Alex Skolnick ein Meister an der Gitarre, und das Publikum dankte es mit Pits, Crowdsurfing und lauten Chören. Ein echtes Highlight – nicht nur für Genre-Fans.

Behemoth boten daraufhin auf der Louder Stage das Gegenteil: Finsternis, Feuer, und eine fast ritualhafte Performance. Mit ihrer „O Father O Satan O Svmmer“-Tour und einer Show voller Symbolik, brennender Fackeln und blastbeat-getriebener Wut setzten sie ein künstlerisches Statement. Nergal präsentierte sich einmal mehr als charismatischer Zeremonienmeister, der zwischen Kontrolle und Chaos balancierte. Songs wie „Conquer All“ und „Blow Your Trumpets Gabriel“ wirkten wie Beschwörungsformeln. Kein leichter Stoff – aber große Kunst.

Einen fast intimen Moment bot der Auftritt von Uli Jon Roth. Auf der Headbangers Stage spielte der frühere Scorpions-Gitarrist ein Set mit Fokus auf die Frühphase der Hannoveraner – „Fly to the Rainbow“, „In Trance“ oder „We’ll Burn the Sky“ sorgten bei Kennern für nostalgische Ekstase. Roths Gitarrenspiel wirkte entrückt und filigran – fast schwebend. Dazu gesellten sich skurrile, liebenswerte Ansagen, die zwischen Genie und Wahnsinn changierten. Eine Wohltat nach all dem Lärm – leise Töne mit viel Seele.

Als vorletzter Headliner betraten Amon Amarth die Harder Stage – und wie immer brachten die Wikinger ein ganzes Heer mit. Drachenboote, Pyro, überdimensionale Helme und martialische Choreografien machten aus dem Infield ein nordisches Schlachtfeld. „Guardians of Asgaard“, „Twilight of the Thunder God“ und „Raise Your Horns“ – die Setlist war ein Best-of der letzten 15 Jahre, ohne viel Überraschung, aber mit maximaler Wirkung. Johan Hegg agierte mit der Ruhe und Autorität eines Göttervaters, und das Publikum folgte ihm bereitwillig ins letzte Gefecht.

Amon Amarth

Amon Amarth

Die offizielle Verabschiedung durch die Festivalgründer Holger Hübner und Thomas Jensen wurde emotional – nicht pathetisch, sondern voller Dankbarkeit. Und dann kam das, worauf viele gewartet hatten: Die spektakuläre Drohnenshow. In präzisen Formationen schrieben hunderte Drohnen die ersten Bandnamen für 2025 in den Nachthimmel – Machine HeadGojiraSaltatio Mortis und Papa Roach. Ein Gänsehautmoment, der zeigte: Wacken schaut nach vorn.

Doch vorbei war es noch nicht: Architects setzten mit ihrer Metalcore-Show das letzte Ausrufezeichen. Mit voller Energie, großem Licht- und Pyro-Einsatz und Songs wie „Doomscrolling“ und „When We Were Young“ rissen sie das müde Publikum noch einmal mit. Besonders Sam Carter überzeugte mit emotionalem Gesang und präzisem Shouting. Wer noch Kraft hatte, ließ sie hier – wer schon schlief, träumte vermutlich vom Circle Pit.


Fazit: Wacken 2024 – Ein Statement

Das Wacken Open Air 2024 war mehr als ein Comeback – es war ein Statement. Das Festival hat aus der Krise gelernt, neue Konzepte erfolgreich umgesetzt und ein musikalisch wie organisatorisch starkes Gesamtpaket abgeliefert. Zwischen Legenden, Newcomern und Crossover-Acts entstand ein musikalischer Mikrokosmos, in dem Toleranz, Vielfalt und Liebe zur Musik regierten.

Wacken 2024 war mehr als eine Rückkehr zur alten Form – es war eine Neujustierung mit klarem Blick nach vorn. Technisch bestens organisiert, musikalisch so vielfältig wie nie, atmosphärisch aufgeladen – und vor allem: getragen von einem Publikum, das für drei Tage zu einer globalen Familie verschmolz.

Die Verbindung aus Legenden wie Scorpions oder Accept, Überraschungen wie Alligatoah oder The Darkness, und epischen Live-Momenten à la Opeth oder Korn zeigte: Metal kann alles – und Wacken ist der Beweis. Die neue Infrastruktur, der optimierte Ablauf und das gelungene Wetter taten ihr Übriges.


Rain or Shine – wir sehen uns 2025!


BILDERGALERIE


Wir danken:
Holger, Thomas und dem W:O:A-Team sowie allen, die unsere Arbeit vor, während und nach dem Festival unterstützt haben (you know who you are...)

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