Samstag, 03.08.2019
SUBWAY TO SALLY
Mit SUBWAY TO SALLY startet der letzte Tag auf der Harder Stage erneut überaus ambitioniert, weist die Band doch mittlerweile eine fast dreißigjährige Bandgeschichte vor. Dementsprechend ist das Infield bereits bei feinster Mittagssonne prall gefüllt. Trotz einiger neuer Stücke vom aktuellen Album „Hey!“ zeigen sich viele Fans äußerst textsicher und noch gut bei Stimme. Sänger Eric Fish dirigiert die Menge gekonnt durch den Auftritt der Potsdamer und bittet zum Ende des Sets darum, dass „der letzte zum Schluss die Lichter ausmacht“. Kenner der Band brechen direkt in Jubel aus, da sie wissen, dass mit „Ausgeträumt“ nun ein weiterer Song folgen wird, andere weniger mit dem Backkatalog der Band vertraute Anwesende schauen sich anfangs verwirrt an. Anschließend stellt die Band nach der gemeinsamen Verbeugung fest, dass noch vier Minuten Spielzeit verbleiben. Ausreichend Zeit also, um traditionell einen möglichst lauten Schrei vom Publikum einzufordern und mit „Grausame Schwester“ eine Zugabe nachzulegen, welche das Infield zu einem Meer aus Händen verwandelt.
BATTLE BEAST
BATTLE BEAST sind nicht die Band der Stunde, aber definitiv in vieler Munde. Fast schon komisch, dass die Finnen so früh eingeplant wurden. Vor und neben der Bühne stehen, sitzen und liegen etliche Menschen. Nach „Unbroken“, dem Opener des aktuellen Albums „No More Hollywood Endings“, schmettert Sängerin Noora Louhimo einen der klebrigsten Ohrwürmer ins Rund („Familiar Hell“). Das Teil ist einfach perfekt zum Mitsingen, verdeutlicht aber auch, dass es bei BATTLE BEAST selten um die Instrumente geht – in dem Bereich liefern die Symphonic-Metaller Standard. Was Louhimo aus ihren Stimmbändern holt, ist hingegen beeindruckend. Wer sich darauf einlässt, dass der Fokus auf Gesang und Hooklines liegt, kann durchaus Spaß haben. Sogar mit Liedern wie „Endless Summer“, die eine noch stärkere Schlager-Ausrichtung als SABATON haben.
Es entsteht eine große Party, und die Band ist agil und sichtbar dankbar für die positiven Reaktionen. Zum Auftakt von „Bastard Son Of Odin“ zocken sie AMON AMARTH an, bevor die elektronischen Klänge des eigenen Songs einsetzen. Den größten Fauxpas leistet sich Bassist Eero Sipilä, der die Vermutung aufstellt, dass Beck’s das beste Bier sei. Äh - nein!
KVELERTAK
Einen weiteren Energie-Boost liefern KVELERTAK auf der Louder Stage. Wer die Jungs aus Norwegen und deren energiegeladenen Punk Rock mit zahlreichen Metal-Einflüssen kennt, weiß, dass bei ihnen definitiv Ausnahmezustand angesagt ist.
Eine ein paar Meter durch die Luft fliegende Gitarre stellt hier keine Seltenheit dar. Sänger Ivar Nikolaisen ist erst letztes Jahr neu zur Band gestoßen, brauch passenderweise aber auch keine Aufwärmphase. Bereits nach den ersten beiden Songs „Åpenbaring“ und „Bruane Brenn“ hält ihn nichts mehr auf der Bühne und es folgt das erste Bad in der Menge. Auch das Mikro fliegt mehr als einmal durch die Gegend, ehe es als Lasso herhält und nur knapp über den Köpfen der ersten Reihen kreist. Unbedingt hervorzuheben ist, dass KVELERTAK nicht nur showtechnisch überzeugen, sondern auch musikalisch derbe abliefern. Dass aber beides gleichzeitig funktioniert, beweist die Saitenfraktion, die ebenfalls mehrfach crowdsurfen ist und dabei sogar teilweise Soli abliefert.
THE VINTAGE CARAVAN
In wie vielen Genres Island inzwischen bärenstarke Bands offeriert, ist faszinierend. Eine davon sind zweifellos THE VINTAGE CARAVAN. Die Retro-Rocker haben eine ganz eigene Atmosphäre und verströmen live vor allem eines: gute Laune. Diese Eigenschaft zeigt das Trio auch heute auf der W:E:T-Stage. Voll motiviert und mit kurzen Ansagen garniert liefern die Isländer ihre Mischung aus Classic Rock, einigen Metal-Einflüssen und einer gehörigen Spur Psychedlic. Großes Posen ist ebenso wenig ihr Ding wie eine arrogante Haltung. Stattdessen steht ihnen die Freude über den großen Andrang an diesem Vormittag ins Gesicht geschrieben. Lächelnd einen Song wie „On The Run“ zu performen, mag bei einigen Bands vielleicht nicht funktionieren, aber hier und heute wirkt es einfach sympathisch, ehrlich und bodenständig. THE VINTAGE CARAVAN machen sich heute wohl nur Freunde.
URIAH HEEP
Groovy geht es bei der dreiviertelstündigen Show von URIAH HEEP zu. Die älteren Herrschaften sind gut drauf und schicken alle Beteiligten im Handumdrehen zurück in die 70er Jahre. Um den Zeitunterschied von immerhin fast 50 Jahren nicht zu extrem zu gestalten, gibt es zum Einstieg zunächst “Grazed by Heaven“ von ihrem jüngsten Album ‘Living the Dream‘ aus 2018. Passend dazu prangt ein Banner mit blauem Mond über der Bühne. Etwas später folgen einzigartige Klassiker wie “Gypsy“ und “Lady in Black“. Der gesamte Platz vor der Louder Stage scheint so überfüllt, dass sich in den hinteren Reihen auf Zehenspitzen gestellt und auf fremde Füße getreten wird. Und das nicht ohne Grund; wie von selbst gleiten die knotigen Hände über Hammondorgel und Gitarre und lassen alle Versammelten zu feinstem Psychedelic Rock dahinschmelzen. Einige Zuhörer nutzen die mitunter sehr langen Instrumentalstrecken, um in Erinnerungen zu schwelgen. Den ein oder anderen spielen URIAH HEEP damit sicherlich in einen angenehmen Trancezustand und versprühen nicht zuletzt mit einem Lächeln in ihren Gesichtern Sympathie und Flower Power.
POWERWOLF
Mit manchen Bands kann man aus Veranstaltersicht nichts falsch machen. POWERWOLF gehören dazu.
Nach dem „Lupus Daemonis“-Intro spielt die Band „Fire And Forgive“ und passend dazu erigieren etliche Feuersäulen. Atilla hantiert mit einem Flammenwerfer und haut im Anschluss die ersten Worte in seiner gefühlt eigenen Sprache raus: „Herzlichen Glückwunsch für den Wacken“. Später lässt er das Publikum „Amen And Attack“ anstimmen – die heilige Heavy-Metal-Messe läuft auf Hochtouren.
„Wir brauchen das Licht eurer Telefone“, sagt Attila. Das Leuchten sieht ganz schick aus, auch wenn es für solche Spielereien noch zu hell ist. Keyboarder Falk Maria Schlegel nimmt seinen Zweit-Job als Anheizer wieder sehr ernst und ist viel in Bewegung. Auch die anderen Bandmitglieder wechseln häufig ihre Positionen, posieren auf Podesten und am Bühnenrand. Mit „Stossgebet“ und „Where The Wild Wolves Have Gone“ hauen POWERWOLF ein Doppel vom letzten Studioalbum „The Sacrament Of Sin“ raus, bevor das Finale aus Setlist-Hauptvertretern beginnt. Bei „Resurrection By Erection“ steigt das Engagement auf der Party-Messlatte feuchtfröhlich weiter und „Werewolves Of Armenia“ und „We Drink Your Blood“ beschließen den Auftritt der feierwütigen Wölfe.
CREMATORY
CREMATORY gehen gut und gerne als Dauergast auf dem Wacken durch: Ganze sechs Mal haben die Gothic Metaller schon in der Vergangenheit im hohen Norden aufgespielt. Die letzten beiden Shows aus den Jahren 2008 und 2014 wurden gar als DVD veröffentlicht. So verwundert es nicht, dass der Hattrick vollendet und auch der diesjährige Gig professionell für die Nachwelt festgehalten wird. Die Rahmenbedingungen hierfür stimmen schon mal: Allein die History Stage offenbart einen Hauch von Nostalgie, der zur altgedienten Band passt. Zudem ist das Zelt, in dem die Bühne steht, wenige Minuten nach Einlass pickepackevoll, sodass ein Einlassstopp ausgesprochen wird. Begrüßt von CREMATORY-Sprechchören muss das Publikum den Opener „Kommt Näher“ somit auch mitnichten wortwörtlich nehmen.
Süffisante Kommentare von Sänger Felix über vergangene Tage und die bespielten Bühnen („In 15 Jahren kommen wir wieder und spielen dann bestimmt im Geräteschuppen“) sowie die allgemeine Bandsituation („Kommt schon, so scheiße sind wir doch gar nicht, oder?!“) bleiben natürlich auch nicht aus und gestalten die Spielzeit von etwas mehr als einer Stunde durchaus kurzweilig. Anteil daran hat ebenfalls die Setlist aus neuem Material („Revenge Is Mine“, „Ghosts Of The Past“, „Wrong Side“), Stücken von der Jahrtausendwende (das frenetisch gefeierte „The Fallen“), deutschsprachigen Songs („Tick Tack“, „Höllenbrand“), beatlastigen Nummern („Shadowmaker“), zwei Cover-Versionen (u.a. „Black Celebration“) und der unumstößlichen Zugabe „Tears Of Time“.
SAXON
SAXON und das Wacken Open Air: W:O:A-Chef Thomas Jensen war viele Jahre lang Manager der Band, die zahlreiche Auftritt beim Wacken hingelegt hat. Auch SAXON haben einen guten Grund, sich und ihre Geschichte zu feiern, denn der 40. Band-Geburtstag steht an. Logisch, dass die Briten bei der Jubiläumsausgabe 2019 nicht fehlen dürfen. Sänger Biff Byford hat übrigens seinen Sohn mitgebracht, der mit seiner Band NAKED SIX auf der History-Stage auftritt.
Vor dem Start wird es nostalgisch: in Form alter Bilder, Zeitungsausschnitte und Flyer, die auf den Leinwänden gezeigt werden. Als der Vorhang fällt, geht’s sofort los und die NWOBHM-Pioniere (natürlich bis auf den Drummer) stehen eng in einer Reihe am Bühnenrand. Über ihnen hängt wie so oft der bewegliche Bühnenadler und dazu dröhnt „Motorcycle Man“ vom 1980er-Album „Wheels Of Steel“ aus den Boxen. Statt eines Backdrops werden Bewegtbilder projiziert, und SAXON hüpfen in der Diskografie munter hin und her: mit „Battering Ram“ nach 2015, zurück zu „Wheels Of Steel“, dann bleiben sie mit „Strong Arm Of The Law“ im Jahr 1980, um wenig später zu „Thunderbolt“ (2018) zu reisen … es fällt auf, dass die Truppe viele Titeltracks spielt und Song-Highlights wie „Backs To The Wall“ vom ersten Demo (1978) präsentiert.
Fronter Biff bewegt sich und hüpft, als wäre die Band erst gestern gegründet worden. Wirft man einen Blick ins gut gefüllte Rund, sieht man eher ältere Semester, was die Besonderheit des Auftritts nur untermalt: Wer dabei ist, erlebt ein großes Stück Heavy-Metal-Geschichte. Die Oldschool-Vibes werden vor allem dann sehr präsent, wenn die Gitarren in Form von ausgefeilten, langen Soli abgehen dürfen. Dass auch jüngere Besucher SAXON sehen und feiern wollen, beweist ein wunderbares Bild: Ein älterer Mann sitzt breit grinsend auf den Schultern eines Kumpels, während neben ihm jungsche Crowdsurfer vorbeisegeln. Insgesamt werden 16 Songs im regulären Set, darunter etliche Lieder aus den Anfangsjahren, und drei weitere in der Zugabe gespielt, die mit „Princess Of The Night“ endet.
DEATHSTARS
DEATHSTARS wird die Ehre zuteil, die Headbangers Stage als letzte Band im Jahr 2019 zu rocken. Auch wenn sicherlich noch mehr Personen in das Bullhead-City-Circus-Zelt gepasst hätten, geben alle Anwesenden die letzten Tropfen verbliebene Energie. Alles andere ist auch nur schwer möglich bei dem mit Synthies angereichertem Industrial Metal, der live nochmal eine Spur brachialer tönt; mitverantwortlich dafür ist Cat Casino, der seit Kurzem wieder die zweiten Gitarre bedient. Auch wenn sich die Jungs seit einigen Jahren mehr als rar gemacht haben, wurde in Sachen Stageacting rein gar nichts verlernt: Sänger Whiplasher überzeugt nicht nur mit seiner tiefen Stimme, sondern schreitet auch unentwegt über die Bühne, fällt mehrmals auf die Knie und nimmt gar die Lautsprecher vor der Bühne für sich ein, um von dort aus auf skurrile Weise den anderen Bandmitgliedern zuzuschauen. Um mit voller Kraft zurückschlagen zu können, wurde in Schlagzeuger Marcus Johansson (u.a. REACH) vorerst eine Übergangslösung gefunden, der diese Aufgabe vollkommen souverän meistert. So gerät der Auftritt zum einem wahren Triumphzug aus Hits, Hits und nochmal Hits (von „Night Electric Night“ über „Death Dies Hard“, „Tongues“, „Semi-Automatic“, „Mark Of The Gun“ und „Cyanide“ bis hin zum finalen „Blitzkrieg“). Welcome back!
Wir danken: Holger, Thomas und dem W:O:A-Team sowie allen, die unsere Arbeit vor, während und nach dem Festival unterstützt haben (you know who you are...)
See you in 2020. Rain or Shine!
