Wacken Open Air 2013
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DAS Metal-Festival Nr.1 geht in die 24. Runde!

Ein kleines Dorf, über 80.000 Metalfans und weit mehr als 100 Bands. Das WACKEN OPEN AIR ist einfach eine Veranstaltung der Superlative. Bei dieser Auswahl ist für jede Sparte etwas dabei. Headliner wie DEEP PURPLE, RAMMSTEIN, MOTÖRHEAD, NIGHTWISH oder ALICE COOPER stehen meist für tolle Auftritte und gute Stimmung. Auch Metaller mit anderen Vorlieben finden mit CANDLEMASS, NAGLFAR, KRYPTOS und den zahlreichen Bands des "Metal Battle" jede Menge Unterhaltung, es müssen nicht immer die größten Bühnen sein. Nach dem Schlammchaos des letzten Jahres stehen die Vorzeichen für ein entspanntes Festivals bestens und die Anwesenden freuen sich auf drei Tage "Faster, Harder, Louder!".

 

Donnerstag

Das Festival wird traditionell von SKYLINE eröffnet, bei denen auch Wacken-Chef Thomas Jensen zum Eröffnungsauftritt den Bass zupft. Sonnenstrahlen, blauer Himmel und Metalheads soweit das Auge reicht: Der heilige Acker macht sich bereit für das größte Metal-Festival der Welt. Mit einer wie üblich aus Coverhits bestehenden Setlist wird die P.A. zum ersten Mal einem Härtetest unterzogen, den Anfang machen u.a. 'Strong Arm Of the Law' (SAXON) und 'Still Of the Night' (WHITESNAKE). Da bei diesem Wetter auch die Kehlen nicht lange trocken bleiben wollen, herrscht von Anfang an beste Stimmung, die hier schon besser ist als auf manchem Festival beim Headliner. Nummern wie 'Paranoid' (BLACK SABBATH), 'T.N.T' (AC/DC) oder 'Paradise City' (GUNS 'N' ROSES) kann eh jeder der Anwesenden mitsingen, das Aufwärmprogramm ist gut überstanden.

Direkt weiter geht es auf der Black Stage mit den Thrash-Recken von ANNIHILATOR. Die Amis starten mit einem Song des kommenden Albums "Feast". 'Smear Campaign' wird vom Publikum jedenfalls genau so euphorisch bejubelt wie die Bandklassiker 'Alison Hell' oder 'Set the World on Fire'. Na wenn das nicht mal ein toller Einstand ist, mühelos animieren Mastermind Jeff Waters und Sänger/Gitarrist Dave Padden die Fans, die sich nicht lange bitten lassen und den ersten Aufschlag des Festivals würdig beklatschen. Genau so amtlich wie die Performance der Band ist übrigens auch der Sound, auszusetzen gibt es an diesem Gig rein gar nichts. Man mag sich zwar fragen, ob eine Band wie ANNIHILATOR nicht lieber am Abend spielen sollte, aber letztendlich muss ja auch tagsüber richtig eingeheizt werden. Und genau das wurde es.

Der erste "richtig große" Act ist in diesem Jahr DEEP PURPLE. Auch Hard Rock hat seinen Platz in Wacken, und wen kann man da besser buchen als die populärste und mitunter größte Band der alten Riege? Mit 'Highway Star' startet das erhabene Quintett in den Abend, doch die Begeisterungsstürme fallen verhältnismäßig schwach aus. Soundtechnisch ist hier alles in Ordnung, doch der Enthusiasmus der alten Herren war auch schonmal größer. Dabei gibt es wohl nur wenige Bands, die einen so Hit-geschwängerten Backkatalog haben wie DEEP PURPLE. Die Highlights in Form von 'Hard Lovin' Man', 'Into The Fire', 'Space Truckin' oder 'No One Came' werden auch alle ausgepackt, an einer schwachen Setlist liegt es heute also nicht. Zum Glück hat man den superben Steve Morse, der mit seinen Flitzefingern die Show etwas auflockert und zumindest etwas darüber hinwegtäuscht, dass Ian Gillan und Co langsam aber sicher ihren Bühnenabschied vorbereiten sollten. Die sich in Richtung True Metal Stage bewegenden Menschen verfestigen den Eindruck, dass die meisten sich schon einmal für RAMMSTEIN in Position bringen und DEEP PURPLE im Vorbeigehen mitnehmen. Mit Uli Jon Roths Gastsolo zu 'Smoke On The Water' schafft es die Band immer noch einmal, das Publikum zu reanimieren und zum Mitklatschen zu bewegen.

Eine halbe Stunde nach den verklungenen Akkorden DEEP PURPLEs sind über 80.000 Augenpaare auf die True Metal Stage gerichtet, die traditionell vom Donnerstags-Headliner eingeweiht wird. Dieses Jahr ist es vermutlich die aufwendigste Bühnenproduktion, die das Festival jemals gesehen hat. Schließlich hat man sich mit der Verpflichtung RAMMSTEINs von Seiten der Veranstalter einen großen Wunsch erfüllt, den an diesem Abend überdurchschnittlich viele Festival-Besucher teilen. Und zwar so viele, dass das Gelände vor den Bühnen kurzerhand dicht gemacht wird und etliche zahlende Gäste den Auftritt vom entfernten "Wackinger"-Gelände aus verfolgen müssen. Das merkt allerdings in den vorderen Reihen niemand, denn die Blicke sind ganz auf das Geschehen auf der Bühne gerichtet. RAMMSTEIN ist mehr als Musik, diesem Ruf wird die Band mehr als nur gerecht. Bereits während des Openers 'Ich Tu Dir Weh' werden Pyros gezündet, Lichtelemente auf- und abgefahren als gäbe es kein Morgen. Sänger Till Lindemann lässt sich auf einer Plattform vom Bühnendach auf die Bretter abseilen, man weiß, wie man sich inszenieren muss.
Während der folgenden, über 100-minütigen Show untermauert es vor allem der Frontmann selbst immer wieder, indem er wahlweise Keyboarder "Flake" Lorenz mit diversen überdimensionierten Flammenwerfern anzündet oder Raketen und Feuer über die Köpfe des Publikums hinweg in den Wackener Abendhimmel schießt. Wie kundige Fans berichten, gibt es heute die Produktion zu sehen, mit der man RAMMSTEIN auch auf ihrer Hallentour sehen kann. Kein Wunder, dass die Band perfekt eingespielt ist und jedes der (gefährlichen) Show-Elemente blind sitzt. Mitsamt einer superben Best-Of-Setlist ist RAMMSTEIN wohl der dankbarsten Headliner für dieses Festival.


Freitag

Ist es wirklich gerade erst 11:00 Uhr? Das mag man bei der großen Menge von Menschen, die sich hier und jetzt das moderne Geballer von NEAERA geben wollen, kaum glauben. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann der Platz zu so früher Zeit (und bei derartiger Hitze) schon einmal so gut gefüllt war. Davon ist die Band selbst auch mehr als angetan, was sich natürlich unmittelbar in einer wunderbar aufgedrehten Performance wiederspiegelt. Der Sound lässt anfangs noch zu Wünschen übrig, pendelt sich dann mit der Zeit aber ein, so dass die ordentliche Knüppel-Beschallung die Lebensgeister wieder weckt. Fronter Benny ärgert sich über die große Distanz zwischen Bühne und Publikum, würde er doch am liebsten in eben jenes hineinspringen. Da dies allerdings olympiaverdächtig wäre, bleibt es beim Ausrasten auf der Bühne. Der Funke springt absolut über, wenngleich das Publikum zwar mit-, jedoch noch nicht kollektiv steil geht – vermutlich dem Wetter geschuldet.

Die Goth-Metal Band TRISTANIA hat es nicht ganz leicht. Am heißesten Tag des Festivals müssen sie um 12:15 Uhr raus auf die True Stage und zeigen, dass sie auch bei 40 Grad das Publikum begeistern können. Und überraschenderweise haben die Norweger damit keine Probleme. Trotz der sengenden Sonne haben sich viele vor der Bühne platziert und mit dem Intro - laute Orgelklänge unterlegt mit Vogelgezwitscher - erheben sich die allermeisten der Zuhörer vom staubigen Boden. Den Einstieg in die Setlist macht ein Duett vom aktuellen Album. Bei 'Number' zeigt Mariangela "Mary" Demurtas, dass sie nicht zu Unrecht nach "Rubicon" (2010) bereits das zweite Studioalbum mit der Band eingespielt hat. Kjetil Nordhus, Sänger und immerhin schon seit 2009 fester Bestandteil der Gruppe, bestreitet auch das nächste Duett. 'Beyond The Veil' ist für den heutigen Gig aber eine Ausnahme. Der Titelsong des zweiten Studioalbums kommt deutlich purer und härter daher, als spätere Produktionen. Der Stilwechsel, den die Band seit ihrer Gründung 1996 vollzogen hat, ist bei den beiden letzten Studioalben am deutlichsten zu hören. Vermutlich ein Grund, weshalb sieben der zehn Songs heute von den beiden letzten Alben stammen. 'The Wretched' ("Ashes", 2005) und 'The Shining Path' ("World of Glas", 2001) als vorletzter Song sind da erfrischende Ausnahmen zwischen den sehr epischen Klängen, die den Hauptteil der Show ausmachen.

Mit einem verwaschenen Sound ist das so eine Sache: Der ein oder anderen Thrash-Band steht das richtig gut zu Gesicht, für einen progressiven Künstler ist es die Hölle auf Erden. Die Franzosen von GOJIRA stehen stilistisch irgendwo in der Mitte, wodurch das, was die Lauscher erreicht, im Prinzip nur den wirklichen Metaller zufriedenstellen kann. Das ist zumindest teilweise schade, da die Musik des Vierers wirklich viel zu bieten hat. So bleibt es aber bei einem ordentlichen Thrash-/Death-Brett (mit hin und wieder vernehmbaren technisch versierten Stellen), das einfach zum Kopfschütteln und Moshen einlädt. Darauf scheint die Band am heutigen Tage auch primär Bock zu haben: Gezaubert wird wann anders, Wacken ist eine Metalparty! Die Zuschauerreaktionen sind richtig gut, die Gruppe verlässt die Bühne (nach einer inszenierten Zugabe) unter großen Applaus. Eine gute Performance einer Band, wobei die (bei anderen Rahmenbedingungen) sicher zu noch mehr in der Lage ist. Und der ein oder andere, der GOJIRA vorher nicht kannte und hier nun für gut befunden hat, wird bei der weiteren Beschäftigung noch einiges entdecken können.

Um 13:30 Uhr ist es Zeit für EISBRECHER auf der Party Stage. Eine Abkühlung täte wohl jedem gut, aber den Gefallen tut uns die Band um Alexx Wesselsky nicht. Sofort mit dem ersten Song 'Exzess Express' vom aktuellen Album machen sie deutlich, dass es ganz sicher kein Hitzefrei gibt.  'Willkommen im Nichts' und der Titelsong zu ihrem zweiten Album "Antikörper" aus 2006 werden von einem neuen Song, 'Augen unter Null', eingerahmt. Mit dieser Mischung aus älteren und neuen Stücken fahren die Jungs auf der Bühne sehr gut. Das Publikum lässt sich trotz gefühlter 40 Grad in der Sonne mit Songs wie 'Prototyp' und 'Heilig' zum mitfeiern animieren. Von meinem Schattenplätzchen aus kann ich die Bühne zwar nicht komplett einsehen, der Sound ist aber so sauber, dass sich ein Großteil der Stücke orginal wie auf Platte anhört. 'Prototyp', ein Titel vom letzten Album "Die Hölle muss warten", macht mit einigen wenigen Textumdichtungen da eine erfrischende Ausnahme. Auf der Bühne selbst passiert nicht viel, was ich verpassen könnte. Schlicht schwarz gekleidet, keine große Show; von Pyro oder Ähnlichem macht EISBRECHER keinen Gebrauch. Uhrzeit und Außentemperatur machen das aber verzeihlich. Stattdessen kommen von Alexx zwischendurch ein paar markige Sprüche, vor allem bezogen auf den kurzen Gastauftritt von Heino am Vorabend. Ganz so wie erwartet kommen auf die Frage "Wollt ihr lieber Heino hören" ein laute Buh-Rufe aus dem Publikum zurück und der Frontmann scheint zufrieden mit dieser Reaktion. Mit 'Verrückt' und 'Miststück', ein Cover aus alten MEGAHERZ-Tagen, verabschiedet sich die Band von ihrem Publikum.

Nach der (für das Festivalpublikum) etwas zu komplexen Mucke von GOJIRA geht es auf der True Metal Stage leichter verdaulich mit den Senkrechtstartern von POWERWOLF weiter. Das neue Album hat ja jüngst sogar die Charts erklommen, Kritiker und Fans sind voll des Lobes und jetzt spielt man auf der Hauptbühne in Wacken. Steile Karriere, woran liegt das wohl? Auf jeden Fall an der Live-Tauglichkeit der Combo, denn die Musik Powerwolfs wurde einfach für die Bühne gemacht. Egal ob 'Sanctified With Dynamite', 'We Drink Your Blood' oder die neue Nummer 'Amen And Attack': Jeder Song ist ein Mitsing-Hit. Das Publikum trotzt der extremen Hitze und belohnt die Jungs für ihre schweißtreibende Show mit tosendem Applaus. Das neue Album "Preachers of the Night" kommt mit drei Nummern zum Zug und wenn es nach den mitsingenden Zuschauern geht, hat es die Platte längst in die höchsten Sphären geschafft.

Nachdem bereits SICK OF IT ALL das Wacken beehrt hat, folgt nun die nächste NYHC-Legende: AGNOSTIC FRONT ist bereit, den anwesenden Metallern eine ordentliche Party zu bescheren. Und das gelingt ihnen deutlich besser als man hätte erwarten könnten: Sehr viele Leute sind erschienen, um mit Vinnie Stigma und Roger Miret zu feiern. ANGOSTIC FRONT lässt hier nichts anbrennen und spielt all seine Stärken aus. Fraglos ist so eine Truppe auf anderen Festivals wie dem With Full Force noch besser aufgehoben, jedoch hat dieser Gig gezeigt, dass Hardcore auch auf dem Wacken funktioniert. Roger Miret sprach selbst davon, dass er schon immer auf diesem Festival spielen wollte.

Trotz Krankheit, Operation, der damit verbundenen langwierigen (und andauernden) Genesung und der Absage von sämtlichen Sommer-Terminen entschließen sich MOTÖRHEAD dazu, den Gig auf dem Wacken nichtsdestotrotz zu spielen. Ein starkes Zeichen, weshalb die omnipräsente Band hier wirklich mit großer Spannung erwartet wird. Und zu Beginn ist auch alles wie immer: Gegrummelte Ansagen, die nur jeder Dritte wirklich versteht, eine ordentliche Portion Dreck in allen Kanälen und die Routiniers startet ihren Siegeszug. Als nach 'Over The Top' jedoch bereits an sechster Stelle ein (starkes!) Gitarrensolo folgt, machen sich auf den Gesichtern einiger Fans schon die ersten Sorgenfalten breit. Nach 'The Chase Is Better Than The Catch' verlässt die Band dann geschlossen und wortlos die Bühne. Viele ahnen bereits, was Sache ist, und wenige Minuten später gibt der Veranstalter bekannt: Lemmy geht es nicht gut, Feierabend. Was folgt, ist dann wirklich großes Kino: Applaus und Sprechchöre für Lemmy und MOTÖRHEAD. Es war vermutlich nicht die klügste Idee, heute die Bühne zu betreten, aber das Zeichen ist ein solch starkes, dass es den Fans lange in Erinnerung bleiben wird. Get well soon, Lemmy.

Es gibt wohl kaum eine Künstlerin, über deren Wacken- Auftritte so häufig geschrieben wird. Kein Wunder, denn DORO Pesch ist eine sichere Bank, wenn es um die Running Order des jährlichen Festivals geht. Da liegt es nahe, dass auch das 30jährige Bühnenjubiläum in diesem würdigen Rahmen "über die Bühne geht". Ihr Auftritt am Freitagabend beginnt entsprechend. Ein Einspieler mit Bildern ihres Werdeganges unterlegt mit emotionaler Musik - die Queen of Metal perfekt inszeniert- Das Motto des Abends "30 Years strong and proud" dürfte jetzt bei jedem Zuschauer angekommen sein.  'Burning The Witches', aus der früheren WARLOCK-Zeit macht den Anfang an diesem Abend. Mit Flammen im Hintergrund fegt Doro in ihrem wie immer körperbetonten glitzer- und fransenlastigen Outfit von einer Bühnenseite zur anderen und gibt sich größte Mühe das Publikum mitzureißen. Wer so wie ich weit hinten steht, lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen; die Meute vor der Bühne tut der Düssedorferin aber weitestgehend den Gefallen und lässt sich ausreichend animieren. Bevor es mit 'Rock Till Death' weitergehen kann, sagt Doro das, was alle hören wollen: "Lemmy is fine". Der Frontmann von MOTÖRHEAD, die unmittelbar vor DORO an diesem Freitagabend auf der Bühne standen, musste seinen Auftritt vorzeitig beenden. Nachdem die Zuhörerschaft damit also beruhigt ist, kann auch Chris Boltendahl (GRAVE DIGGER) sein Stelldichein auf der Bühne geben. 'East Meets West', der nächste Titel, ist nur die Vorbereitung auf die große Hymne 'We are the Metalheads'. Ein Gitarrensolo vorweg sorgt vermeintlich für mehr Spannung. Wer jetzt im Publikum noch nicht mitsingen kann, hat sich definitiv vor die falsche Bühne gestellt. Damit die Stimmung auch erstmal in diesen Sphären bleibt, stimmt DORO im Anschluss 'Raise Your Fist In The Air' an. Johnny Dee gibt bei dem sehr, sehr ausführlichen Schlagzeugsolo alles. Ob solche künstlichen Verlängerungen bei allen Zuschauern so gut ankommen, darüber kann ich nur mutmaßen. Doch beim nächsten Lied kommt die Stimmung wieder nur sehr schleppend in Fahrt. Für 'Denim and Leather' gibt sich Biff Byford (SAXON) selbst die Ehre und sollte ein Garant für ordentliches Headbanging sein. Leider ist im Publikum von Action nicht viel zu sehen. Da es eh schon so gesittet zugeht, passen die nächsten zehn Minuten gut in das Konzept. Zusammen mit Uli Jon Roth stimmt DORO ihre deutsche Single 'Für Immer' an, ein Song für ihren langjährigen Freund und Kollegen Ronnie James DIO. Es wird sentimental und DORO zelebriert das Andenken an den verstorbenen Künstler ausgiebig und mit viel Herzblut. Als nächstes geben sich Eric Fish, "Frau Schmitt" Silke Volland (SUBWAY TO SALLY) und Phil Campbell (MOTÖRHEAD) die Klinke in die Hand. 'Breaking The Law' schafft es dann tatsächlich noch einmal, die Metaller aufzuwecken und das Finale mit 'All We Are' vorzubereiten, bei dem alle zusammen auf und vor der Bühne nocheinmal ihr Bestes geben. Alles in allem liefert DORO wie immer einen soliden Auftritt ab. Nach 30 Jahren auf der Bühne ist das aber für niemanden eine Überraschung.

Im Zelt

Der Andrang vor LEGION OF THE DAMNED ist riesig. Kein Wunder, sind die holländischen Thrasher doch mit ihren letzten Alben stets auf großes Feedback gestoßen. Die Party Stage hätte ihnen sicherlich auch gut gestanden, aber gut, bleiben wir im Zelt, diesmal bei der Headbanger Stage. Der Sound ist die ersten Songs leider unerträglich laut und verzerrt, das stört die meisten aber nicht und schrauben sich dermaßen die Rübe ab, als ob eine neue nachwachsen würde. 'Son Of The Jackal' prügelt alles aus den überhitzten Körpern raus, mit 'Summon All Hate' wird vom bevorstehendem Album (Anfang 2014) ein neuer Song präsentiert. 'Legion Of The Damned' kennen fast alle und recken die Fäuste oder schreien mit Maurice um die Wette.


Samstag

FEAR FACTORY geht gleich in die Vollen und legt mit 'Demanufacture' los. Der Sound ist erwartungsgemäß grausam, die Bass Drum viel zu matschig, die Gitarre zu dünn. Das Soundbild verändert sich aber mit 'Self Bias Resistor' zum Glück positiv, aber Burton steht wie angekettet an einer Stelle. Auch das Publikum weiß noch nicht wirklich wie es reagieren soll. Nun kommen aber 'Shock' und das mächtige 'Edgecrusher' und spätestens jetzt gibt es kein Halten mehr, die ersten Circle Pits wirbeln ordentlich Staub auf. 'The Industrialist' vom neuen Album kommt richtig fett, auch 'Powershifter' macht Laune. Der Klargesang ist allerdings nur gerade noch erträglich. 'What Will Become?' ist dann eine echte Live-Überraschung. In 'Archetype' gibt sich Burton viel Mühe den Klargesang zu meistern, das gelingt aber leider nur bedingt. Es ist aber bemerkbar, dass die FEAR FACTORY ihr Set auf shout-lastigere Songs umgestellt hat. Gut so. Eine weitere Überraschung ist 'Cyberwaste', mit 'Replica' gibt es dann den Industrial-Metal-Klassiker überhaupt auf die Ohren, 'Martyr' beendet den insgesamt doch sehr gelungenen Auftritt.

Der Platz vor der Party-Stage ist trotz nach wie vor früher Uhrzeit gut gefüllt: Party-Metal von ALESTORM steht an. Die Schotten hauen eine Schunkelhymne nach der anderen heraus (heute super: 'Wolves Of The Sea' und 'Shipwrecked') und sorgen für ein ordentliches Gelage im vorderen Teil der Meute, so richtig will der Funke allerdings nicht auf das komplette Publikum überspringen. Grund dafür ist sicher keine fehlende Freude der Musiker; insbesondere Fronter Christopher Bowes ist gut aufgelegt. So versteht er eine Anspielung auf den SABATON-Gag vom Vortag nicht, kontert jedoch dennoch lustig („Fuck beer! We drink rum!“). Vielleicht ist es der zu leise Sound (Problem bei nahezu allen Bands auf der Party-Stage) oder der Kater des Vortages, aber mehr als gefälliges Kopfnicken und Höflichkeitsapplaus ist bei vielen nicht drin. Schade, denn eigentlich war bei dieser Besucherzahl alles für eine große Sause angerichtet.

DIE APOKALYPTISCHEN REITER sind schon Stammgäste in Wacken, in gefühlt jedem zweiten Jahr treten die Spaßvögel der Metalszene auf dem Acker auf. Und so sieht man dieses Jahr am frühen Nachmittag nicht ganz so viele Fans wie in den letzten Jahren, die anwesenden Jünger lassen sich ihre Partylaune aber nicht nehmen. Die Reiter auch nicht, und da man live in diesem Metier keine Konkurrenz zu fürchten hat, wird auch der heutige Auftritt zum Triumphzug. Mit 'Komm', 'Du kleiner Wicht' und 'Der Adler' wird gleich zu Beginn klargemacht, dass DIE APOKALYPTISCHEN REITER keine Gefangenen machen. Man weiß eben, wie man die Massen bewegt. Auch Bandhits wie 'Adrenalin' oder 'Es wird schlimmer' taugen an diesem Samstag live ganz hervorragend. Ob die Band wirklich keine Gratis-Shirts verteilen darf, wie auf der Bühne verlautet wird, oder ob es nur ein Gag sein soll, kann an dieser Stelle nicht endgültig geklärt werden. Bei HEAVEN SHALL BURN gab es vor einigen Jahren nämlich einen wahrhaftigen "Security Stresstest", als beinahe jede Frau im Infield crowdsurfend gen Bühne getragen wurde, um eines der begehrten Shirts zu ergattern. So viel Action wie bei HEAVEN SHALL BURN gibt es dann bei den Weimarern nicht, trotzdem ist das Energielevel für die Uhrzeit oft am Anschlag und die Fans sehen rundum glücklich aus. Wer will sich da beklagen?

SONATA ARCTICA gibt sich bei strahlendem Sonnenschein die Ehre. Für die Uhrzeit, die Temperatur und die Konkurrenz (LAMB OF GOD auf der Black Stage) hat sich erstaunlich viel Publikum vor der Bühne eingefunden. Nach einem ausführlichen Intro starten die fünf Metaller mit 'Wildfire Part III' vom neusten Album voll durch. Sechs der insgesamt elf Songs stammen ebenfalls vom "Stones Grow Her Name"-Album aus 2012. Damit aber auch die treuen Fans etwas zu lauschen haben, geht es mit 'Black Sheep' weit zurück in die Bandvergangenheit. Der Titel vom Album "Silence" (2001) findet sich, genau wie 'Replica' und 'FullMoon', auf den 2008 neu aufgelegten Alben "Silence" und "Ecliptica" wieder und dürfte so dem Großteil der Zuhörer bestens bekannt sein. Die Mischung aus alt und neu wirkt jedenfalls. Obwohl es nach knapp der Hälfte des Gigs aus heiterem Himmel anfängt zu stürmen und regnen, bleiben die meisten tapfer auf ihren Plätzen. Die Feuershow auf der Bühne ist jetzt ein netter Kontrast zu der Sinnflut davor. Das große Finale nach ziemlich genau einer Stunde mit 'Don't Say A Word' ("Reckoning Night"), kommt dann aber doch ganz gelegen. Band und Publikum retten sich in trockene Gefilde.

Wenn Scott Ian mit seinen Männern den richtigen Sound auf die Bretter bringt, dann weiß man genau, woran man ist. Und wenn Belladonna dann noch wie ein junger Gott darüber singt, ist doch eigentlich alles in bester Ordnung, oder? Ja, so ist es. Bis auf dieses Gefühl des zu Vertrauten. Immerhin gibt ANTHRAX in der Mitte des Sets eine Doppel-Hommage an Ronnie James Dio sowie Dimebag Darrel samt Banner zum Besten, welche durchaus als gelungen bezeichnet werden darf. Das 'T.N.T'-Cover hingegen ist zwar nett, hätte jedoch nicht zwingend sein müssen. Am besten funktioniert die Truppe nämlich nach wie vor, wenn sie 'Indians', 'Caught In A Mosh' oder 'Madhouse' präsentiert.

Bereits während der "Danzig Legacy Tour" hat der Schinkengott noch einmal seinen älteren Katalog geöffnet und einige Songs aus der fernen Vergangenheit herausgekramt. Und auch die Wacken-Show DANZIGs wird als besonderes Happening angekündigt, welches der polarisierende Altmeister schließlich nach schwachem Start mit einigen aktuelleren Stücken auch anzubieten weiß. MISFITS-Kollege Doyle kommt nach 20 Minuten auf die Bühne gestürmt und segnet Klassiker wie 'Death Comes Ripping' und 'Last Caress' an den sechs Saiten ab. Ob diese erneute Reunion jedoch tatsächlich in völliger Harmonie inszeniert wurde, bleibt fraglich; Frontmann Glenn Danzig jedenfalls spart sich jeden Funken Euphorie, als er seinen geschätzten und angepinselten Muskelprotz-Kollegen auf die Bretter bittet. Die Stimmung leidet unter dieser vermeintlichen Spannung jedoch absolut nicht. Im gegenteil: Die MISFITS-Kultnummern werden systematisch abgefeiert, und als Doyle schließlich wieder verschwindet und 'Mother' lautstark an vorderster Front begleitet wird, scheint der diesmal wahrlich unterschätzte Mastermind doch noch einen Triumph zu feiern. Abgerundet wird das Ganze durch eine kleine On-Stage-Party mit allen beteiligten, die das unvermeidliche 'Die, Die My Darling' anstimmen und sich auch hier einem großen Chor sicher sein können. Abgesehen von der reduzierten Power in der Stimme des Schinkengottes sind diese 60 Minuten wesentlich mehr überzeugendes Entertainment, als man zuvor befürchtet hatte.

Zeigt die Qualitätskurve der Platten bei "Dez" Fafara mit seiner Hintermannschaft mittlerweile recht deutlich nach unten, haben sie in letzter Zeit auf den Bretter doch wieder deutlich zugelegt. Und genau so stellt sich das Bild auch heute auf dem heiligen Acker Wackens dar: DEVILDRIVER macht Laune. Ein buntes Programm des Backkatalogs bekommen hier diejenigen um die Ohren gehauen, die Bock auf eine moderne Keule haben. Leider fällt der Sound auf der Party-Stage (mal wieder) zu leise aus. Das ist schade, denn der Auftritt ist ansonsten makellos. Die Sonne lässt sich auch wieder blicken und trocknet all jene, die bei LAMB OF GOD keinen Schutz gesucht haben.

Nur zwei Stunden zuvor hatte Vincent Furnier alias ALICE COOPER völlig locker über seine Pläne mit dem "Rock Meets Classic"-Projekt geplaudert und den anwesenden Journalisten bei der Pressekonferenz reichlich Lust auf die nächstjährige Gastspielreise beschert. Doch wenn aus Vincent dann auch tatsächlich Alice wird, spricht der gute Herr auch in Wacken eine ganz andere Sprache: Die Bühnenshow wirkt zunächst noch unspektakulär, das Set scheint eine sichere Sache zu sein, und wer den Altmeister schon einmal live gesehen hat, weiß ja auch, was ihn erwartet. Und trotzdem ist es immer wieder eine Wonne anzuschauen, wie es dem charismatischen Sänger gelingt, ein bunt zusammengewürfeltes Publikum binnen kürzester Zeit in den Bann zu ziehen. Mit der risikoarmen Hausnummer 'House Of Fire' steigt die Band um die tolle Gitarristin Orianthi ins Set ein, Gassenhauer wie 'Hey Stoopid' und 'Feed My Frankenstein' folgen, und nach einer geschlagenen halben Stunde ist der Kerl seinem Headliner-Status bereits in allen Belangen gerecht geworden. Doch die große Sause soll erst noch kommen: Unverhofft, weil bei seinen Festival-Gigs nicht zwingend üblich, zieht Cooper die gesamte Bühnenshow samt elektrischem Stuhl und Guillotine durch, die verrückte Krankenschwester turnt auch wieder mit, und bei der etatmäßigen Auferstehung dürfen es sogar noch einige echte Überraschungen sein. Den Grabsteinen im Bühnenbild gibt die Band schnell ein musikalisches Gesicht; so werden JIMI HENDRIX, die BEATLES, THE WHO und THE DOORS gecovert, bevor schließlich die Überleitung ins große Finale mit 'I'm Eighteen', 'Poison' und dem unvermeidlichen Rausschmeißer 'School's Out' folgt. Am Ende stehen 90 Minuten gewaltiges Entertainment, eine auch musikalisch beeindruckende Performance. 

Es gibt wohl kaum einen Auftritt, der von den Fans und interessierten Zuhörern mit so viel Spannung erwartet wurde, wie der NIGHTWISHs. Grund dafür ist die Neubesetzung der Sängerin durch die Niederländerin Floor Jansen. Um 22:45 Uhr geht es dann auch pünktlich auf der True Metal Stage mit einem fulminanten Intro, der Titelmeldodie von Crimson Tide (Hans Zimmer), los. Ein wenig Pyro im hinteren Teil der Bühne leitet den Gesang von Floor Jansen ein und spätestens beim zweiten Song wird klar, dass die Dame ihr Handwerk beherrscht. Mit einer kräftigen Sopranstimme rockt sie zu 'I Wish I Had An Angel' die Stage und stellt bei 'She Is My Sin' vom "Wishmaster"-Album unter Beweis, dass sie dem Vergleich zu Tarja Turunen standhalten kann. Nur an wenigen Stellen bleibt ihre Stimme unter den Höhen, die Turnen auch bei Live-Auftritten spielend erreichte, im Großen und Ganzen ist das Zuhören, besonders der älteren Stücke, aber wieder ein wahrer Hörgenuss. Von diesen besagten Titeln der früheren Alben finden sich verhältnismäßig viele auf der Setlist. Gerade einmal die Hälfte der Songs sind von den beiden letzten Alben "Dark Passion Play" (2007) und "Imaginaerum" (2011). Nach 'Ghost River' wird es dann mit 'Ever Dream' auch erstmal kurzzeitig ruhiger. Diese Ruhe hält aber gerade einmal bis 'Storytime', wo Jansen zeigt, dass nicht nur eine gute Sopranistin, sondern auch eine echte Metallerin in ihr steckt. Headbangend steht sie zwischen ihren Bandkollegen und scheint sich auf der großen Bühne mehr als wohl zu fühlen. Nach zwei Liedern des aktuellen Albums, packen die Finnen ihr erstes Klassiker-Highlight aus: 'Nemo'. Das Publikum dankt es und geht ordentlich mit. Das ist auch nicht ganz unwichtig für diesen Abend, denn der Auftritt wird für eine Live-DVD mitgeschnitten.

Vorhang auf für einen wahren echten Knaller am letzten Abend des Festivals. Nicht kleckern, sondern klotzen - das gilt heute für das LINGUA MORTIS ORCHESTRA feat. RAGE. Rein quantitativ gesehen stimmt die Reihenfolge natürlich, denn hier wird ein komplettes Sinfonieorchester aufgeboten, um das neue "Klassik meets Metal"-Album von RAGE standesgemäß aufzuführen. Die meisten Zuschauer kennen das Album noch nicht, da es erst seit gestern im Laden steht, an den fantastischen Publikumsreaktionen änder das aber nichts. Der Opener 'Cleansed By Fire' wird hier ebenso episch vorgetragen wie auf Konserve, mit der großen Produktion und tollen Lightshow ist das Erlebnis dann aber doch intensiver. So scheint es auch den Muckern auf der Bühne zu gehen, sieht man über die Videoleinwände immer wieder wie der ein oder andere klassische Instrumentalist in seinen Spielpausen mit dem Kopf wackelt. Die Fans machen es nach und aus der Show wird ein denkwürdiger Headliner-Auftritt. Das zeigen RAGE und das LINGUA MORTIS ORCHESTRA auch bei den älteren Songs, denn "LMO" ist ja nicht das erste Werk in diesem Stil. So gibt es beispielsweise 'From The Cradle To The Grave' vom 1998er Album "XIII" oder 'Empty Hollow' ('Strangs To A Web') zu hören, die man auf vorherigen Live-Shows mit Orchester ja schon in diesem Gewand hören konnte. Die neuen Songs sind aber für meinen Geschmack allesamt eine Klasse besser und besonders das Schluss-Duo 'Withces' Judge' und ''Straight To Hell' verlangt dem Publikum noch einmal alles ab, der perfekte Abschluss dieses Headliner-Gigs!

Fazit: Tolle Bands stehen einem großen Rummel gegenüber; das Festival spaltet die Gemüter. Nichtsdestotrotz hatten wir wie viele andere tolle Tage mit viel Musik, guter Laune und alles in allem einem tollen Festival. Der Blick richtet sich jetzt auch schon auf 2014, denn zum 25jährigen Jubiläum möchte man mit einem imposanten Lineup glänzen. Die schlechte Nachricht: Das Festival ist bereits ausverkauft. Die gute Nachricht: Es wird demnächst die offizielle Ticket-Tauschbörse geben, in der man zum Originalpreis noch Tickets kaufen kann. See You In Wacken - Rain Or Shine!

Pro:
- u.a. RAMMSTEIN
- das Wetter
- die Stimmung auf dem Festivalgelände

Contra:
- Getränkepreise und keine PET-Flaschen im Infield erlaubt (trotz großer Hitze)
- Alkoholfreie Getränke zum Teil bereits Mittags an den Getränkeständen im In-Field ausverkauft
- Sound teilweise zu Beginn der Sets sehr schlecht

Wir danken: Holger und dem W:O:A-Team sowie allen, die unsere Arbeit unterstützt haben (you know who you are...).